Mein Name ist Ann.

Ich hatte schon immer ein besonderes Auge für Schönheit.
Die meisten meiner Freunde waren nie einer Meinung mit mir gewesen, was das anging.
Irgendwie konnte ich mich im Kreis der begehrtesten Menschen aufhalten und meine Aufmerksamkeit galt nur dem verspotteten Außenseiter mit Hornbrille.
Ich weiß nicht was es in dem Moment gewesen war, dass ich ihn allen anderen vorzog. Waren es seine leicht misstrauischen Augen hinter dem Glas oder seine nicht ganz perfekte Nase?
Ich weiß es nicht. Es war einfach „Etwas“.
Manchmal kam es mir so vor, als sei es eine besondere Gabe, die ich besäße. Als wäre dieses "Etwas" nur für mich zugänglich. Und wenn ich dann diese Menschen sah, für deren "Etwas" ich zugänglich war, hätte ich ihnen am liebsten gesagt:
„ Ich weiß davon, ich kenne dein Etwas, ich kann es sehen.“

Genau so war es als ich SIE das erste mal sah.

Ich stand da, als eine junge Frau den Flur betrat. Mit großen Schritten lief sie auf mich zu. Der Flur gab ihren Beinen Raum. Ihre Haare waren kurz und schwarz, ihre Figur androgyn und ihr Outfit nichts Besonderes. Ihr Gesicht, das war einfach vollkommen.
Es wirkte eher kindlich, ihre Augen glänzten schwarz und ihre Lippen formten sich zu einer Art Schmollmund, dessen Oberlippe etwas hervorstand, aber unaufdringlich. Alles ganz dezent. Dezent geschminkt, dezente Mimik und doch umwerfend. Ausdrucksstark und vielversprechend.
Ich habe keine Ahnung was ich damals eigentlich gedacht hatte. Sie besaß einfach das intensivste Etwas, dass ich je wahrgenommen hatte.
Und irgendwie berührte mich das.
Sie war wie ein Wort, in einem tiefgründigen Satz. Hinter diesem Wort verbarg sich eine ganze Welt voller Assoziationen. Mit Musik, Lichtern, Straßen, Häuser, tanzenden Menschen...

Wie ich feststellen musste hatte sie einen Freund. Ein wirklich glückliches Paar. Schnell machte mich diese Tatsache irgendwie eifersüchtig. Viele dachten ich wäre an ihm interessiert. Dass es auch um etwas anderes gehen könnte, dazu war der Horizont der Mitmenschen viel zu begrenzt.

Doch Sie war es, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging.

Es war keine Liebe. Es war keine Freundschaft. Es war kein Neid und auch keine Erotik. Es war.... so etwas wie.... Bewunderung, aber in einer noch nie da gewesenen Form.
Ansprechen wollte ich sie nicht. Denn keine Worte würden dem fremden Gefühl gerecht werden.
Es ist schwer etwas in dieser Welt zu realisieren, dass nicht mal einen Existenzanspruch besitzt.

Eins wusste ich jedoch; ich musste mehr von ihr sehen. Ich musste mehr aus dem Buch lesen, in welchem sie als Wort auftauchte. Ich wollte ihren Blick verstehen, der aus ihr sprach und mich etwas fragte, dass ich aber nicht übersetzen konnte.

...

Ihr Name war Marie.
Marie war eine beliebte junge Frau. Doch eher oberflächlich. Jeden ließ sie nur bis zu einem gewissen Grad an sich heran kommen, von dort an war sie verschlossen. Das war Privat. Aber nicht für mich.
Ich war Beobachter. Ein Beobachter aus der Ferne, der alles überblickte und ergründete, doch selbst unbemerkt blieb.

Bald begann ich mich in der Rolle des Beobachters regelrecht zu entfalten. Und meine Bewunderung schwappte über in eine Obsession.
Ich fand heraus wo sie wohnte, welche Wege sie Nachhause nahm und wer ihre Freunde waren.
Es war nicht so, dass ich kein eigenes Leben gehabt hätte. Ganz im Gegenteil ich war auch sehr beliebt. Sogar bewundert. Vielleicht hatte sogar ich einen Beobachter, der das gleiche über mich dachte, wie ich über diese Frau, Marie.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, was mich damals geritten hatte, als diese Zeit begann. Man könnte sagen, ich war abhängig von ihrer Welt.
Ich kann es euch nicht erklären. Aber ich kann mit Gewissheit sagen, dass ich nicht hätte schlafen können, wenn ich es nicht getan hätte.
Es war dieses Gefühl, diese Atmosphäre, die sie umgab. Diese Atmosphäre war genau das, was mir Seelenfrieden schenkte.
Das wofür andere hätten Welten in Bewegung setzen müssen, gelang ihr mit einer bloßen Geste.

Ich kann mich noch an den ersten Abend erinnern, an dem ich ihr Nachhause gefolgt war. Ich hatte mich still unter ihr Fenster gesetzt. Sie wohnte in einer Dachwohnung am Rande der Stadt. Es war Sommer und die Nacht wandelte die brennende Tageshitze, in eine warme dunkle Masse, die sich gut auf der Haut anfühlte. Ich setzte mich auf die trockene Wiese und schaute in den Himmel. Aus ihrem Zimmer schien gelbes Licht und jeden Abend legte sie Musik auf. Ich kannte die Musik nicht, aber sie klang hypnotisch. Ich genoss die Nacht. Lichter und der Geruch von warmem Stein umgaben mich.
Ich hörte, wie sie durch ihr Zimmer lief und leise mitsummte.... Wenn ich die Augen schloss konnte ich fühlen, wie sie ab und an zur Musik tanzte. Wie sie in ihrem Shirt auf dem Bett lag und ebenfalls die Augen schloss.

Für jeden anderen wäre es ein nicht zu erklärendes, gestörtes Verhalten gewesen, doch für mich war es etwas ganz Besonderes.
Es war unsere Welt!

Sie wusste nichts davon.

Doch ich war da, um ihr zu sagen „ Ich weiß davon, ich kenne dein Etwas, ich kann es sehen.“
Ich sagte es ganz leise.

...

Ich hatte da einerseits mein normales Leben. Kein Mensch hätte nur einen Hauch von dem erahnen können, was in meinem Kopf vorging. Und am allerwenigsten Sie selbst.
Nachts war ich ein anderer Mensch. Ich schlich mich wie ein Geist in ihr Leben und saugte es auf.
Ich war das Gedächtnis ihrer Welt und durch mich würde ihr „Etwas“ an Existenz gewinnen.
Ich hörte sie weinen, ich hörte sie singen und Selbstgespräche führen, ihre Stimme war warm...
Ich war ein kleiner unbemerkter Begleiter ihres Lebens geworden und fühlte mich gut dabei. Was anfangs abnorm erschien, wurde recht schnell zur Gewohnheit.

Es war ein Leben für sich. Es war nicht MEIN Leben und es war nicht IHR Leben. Es war ein Separates.
Das „Etwas“ hatte aus ihrer Seele gesprochen und ich hatte ihm ein Zuhause gegeben. Wir beide hatten einfach eine Art Potenzial, dass es um zusetzten galt.
Und es fühlte sich gut an. Nein, es fühlte sich richtig an.

Marie.

Marie war das gelbe Licht, dass in die Dunkelheit schien. Sie war der Geruch von Sommer und heißem Stein. Sie war die hypnotisierende Musik und die Fantasiegebilde. Sie war die warme Stimme, die sang. Und ich war da, um all das aufzufangen, bevor es in die Nichtigkeit entschwand.

So vergingen Nächte, Wochen, Monate in denen ich mich anspruchslos und wunschlos glücklich der Einfachheit des Wahrnehmens und des Zuhörens hingab.

Ich kann bis heute nicht sagen, ob mein Verhalten besonders egoistisch oder besonders unegoistisch war?!

Irgendwann verschwand Marie jedoch genau so unaufdringlich, wie sie in meine Welt gekommen war.
Spurlos und lautlos.
... ohne große Verabschiedung verschwand sie und kam nicht wieder.

Ich blieb.
Allein mit der Sehnsucht.
Allein mit dem leeren „Etwas“, von dem ich nun wusste, dass es existierte, doch nicht im Stande war es wieder zu erlangen.
Es tat weh.
Doch das Leben, in seinem unaufhaltsamen Treiben, trieb auch mich wieder mit sich. Aus dem stechenden Schmerz wurde ein taubes Pochen im Hintergrund. Aus unerträglichem Vermissen wurde gewohnter Alltag. Das was früher Alltag gewesen war, wurde wieder Fremdes, und das was lange Zeit Fremdes gewesen war, wurde wieder Alltag. Alles verblasst im Angesicht der Zeit, alles wird normal, aber es bleibt unvergessen.

Unvergessen.

Und ich schwöre ich hatte mich an ihre Abwesenheit gewöhnt. All die Jahre, die seither vergangen sind. Ich hatte mich an ihre Abwesenheit gewöhnt, aber jetzt...
Jetzt ist alles anders.

Es ist nicht so wie ihr denkt.
Ich kann nicht einfach los gehen und sie suchen. Ich werde nie wieder los gehen können. Nie wieder suchen können. Sie wird ab jetzt für immer unauffindbar bleiben.
Denn Marie ist für immer weg.

Ich habe es vor kurzem erfahren.
Sie ist nicht mehr da.
Sie existiert nicht mehr.
Es gibt keine Marie mehr auf dieser Welt.

Den Grund kenne ich nicht, aber es fühlt sich an wie ein Loch.

Ein tiefer, Kilometer-breiter Schlund... dunkel und endlos... alles in sich reißend und erstickend.

Ich hatte mich an ihre Abwesenheit gewöhnt.
Aber an ihre völlige Existenzlosigkeit kann ich mich nicht gewöhnen. Ich werde es nicht schaffen.

Sie war zwar weg. All die Jahre war sie weit, weit weg. Aber sie war immer präsent in meiner Welt. Und wenn ich gewollt hätte, dann wäre ich zu ihr gefahren. Ich hätte vor ihrer Haustür gestanden und geklingelt. Dann hätte sie die Tür geöffnet und gelächelt. Ich hätte ihr alles erzählt. Wir hätten in ihrer Küche gesessen und Kaffee getrunken. Ihre Augen hätten geglänzt und mein Herz hätte gerast. Allein diese abstrakte Möglichkeit, gab mir Frieden. Allein die Möglichkeit.

Das sind nun niemals lebendig werdende Träume.
Für immer eingesperrt in einer erdrückenden Kammer, die nie geöffnet werden kann.
Unmöglichkeit. Unmöglichkeit.

Durch ihr Nicht-Dasein, beginnt auch meine Erinnerung an sie unreal zu werden.

Hat sie existiert?
Hat unser gemeinsames „Etwas“ existiert?
Niemand wird es mir je sagen können.

Die Vergangenheit existiert nicht ohne die Gegenwart.
Und die Gegenwart existiert nicht ohne einen Zweiten, der dir sagt, dass sie existiert.

Niemand wird es jemals wissen. Niemand. Und Marie wird es auch nie erfahren.

Die Nacht, der Geruch von warmem Stein, die Sommerluft, die Lichter, die Musik, Sie und Ich. Es ist nie gewesen.

Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn alles woran ein Herz hängt, etwas ist, wovon niemand weiß, dass es überhaupt da war?

Ein Gefühlsuniversum, in einem Raum, der nicht existiert.

...

Lebt, liebt und schenkt euren Träumen Existenz!

Schenkt euren Träumen Existenz!

Denn sonst hat es euch nie gegeben!

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Das ist alles, was ich sagen will.
Para (anonym) - 7. Nov, 13:37

ich habs gespürt.


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